Cyber

Die Gothic – Subkultur entstand etwa in den 80iger Jahren des letzten Jahrhunderts mit der Dark-Wave-Bewegung und präsentierte sich zunächst als eine finstere Post – Punk – Variante. In der Folgezeit entwickelten sich weitere diverse Ausdrucksweisen. Gegenwärtig findet diese düstere Bewegung im Cyber eine neuartige, interessante Kunstform, welche sich teilweise durch einen dramatisch zivilisationskritischen Unterton auszeichnet.
Wegen der vielfach zu bemerkenden gesellschaftskritischen Anklänge lohnt sich ein genauerer Blick auf diese Szene.

Bereits im Rahmen des Punk wurden gesellschaftliche Fehlentwicklungen immer wieder angeprangert. Seinerzeit neigte das Establishment dazu, diese Jugendkultur als eine 0 – Bock – Generation zu diffamieren. Anstatt die Kritik ernst zu nehmen und sich damit auch inhaltlich zu beschäftigen, wurde arrogant darüber hinweggeblickt.
Möglicherweise hätten nicht wenige äußerst negative kulturelle Trends durch eine offene und ehrliche Diskussion über die Thesen der Punker verhindert werden können.

Tatsächlich spürte schon recht frühzeitig die Punk – Jugend, dass sich unsere Gesellschaft nicht nur positiv mit Wirtschaftswachstum und technologischen Errungenschaften beschreiben lässt, sondern es neben der kulturellen „Wunderwelt“ auch schlimme Schattenseiten gab. Diese Probleme wurden insbesondere von notorischen „Positiv-Denkern“ immer wieder ausgeblendet.
Wo viel Licht ist, da ist allerdings auch viel Schatten.

Die Punk – Bewegung beschäftigte sich vorwiegend mit den aufkeimenden innergesellschaftlichen Konflikten und krassen sozialen Ungerechtigkeiten, welche heute leider vielerorts zur erschreckenden Normalität geworden ist. Die Punker sahen vor allen Dingen nicht die Hauptprobleme in der seinerzeit ritualhaft ausgetragenen Auseinandersetzung zwischen Kommunismus und Kapitalismus, sondern in einer wachsenden Objektivierung des Menschlichen. Diese entmenschlichende Objektivierung fand im Konsum und Kommerz ihren deutlichsten Ausdruck: das konforme Leben von der Stange.
Der Widerstand richtete sich gegen eine gesellschaftliche Ordnung, welche den Bürgern die persönliche Freiheit vorenthält und verweigert aufgrund der üblichen, allgegenwärtigen Disziplinierung und Vernichtung von Individualität.
Der Konflikt entzündete sich insbesondere darüber, dass die Gesellschaft Individualität und Andersartigkeit immer wieder heuchlerisch teilweise im Rahmen von absurden Multi-Kulti-Träumereien begrüßte, aber faktisch fortlaufend vernichtete und nur bestenfalls als oberflächliches Accessoire tolerierte.
Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem sich gegenwärtig abzeichnenden Kollaps des Kapitalismus wird nun klar, wie tiefsinnig, wie berechtigt und wie vorausschauend die Gesellschaftskritik der Punk – Bewegung war.

Weil sich aus heutiger Perspektive nicht wenige kritische Äußerungen der Punker als begründet erwiesen haben, ist es sicherlich nicht falsch, einmal die aktuell geübte Gesellschaftskritik durch die Cyber – Bewegung etwas genauer zu betrachten.

Die Gothic-Szene gilt als eher kleine Subkultur. Innerhalb dieser Szene werden meines Erachtens diverse schwerwiegende Probleme unserer Gesellschaft künstlerisch und emotional verarbeitet.
Bemerkenswert ist, dass die Gothic-Bewegung sich immer wieder versuchte der platten Kommerzialisierung zu entziehen. Manche mögen darin den „lichtscheuen“ Charakter der Szene erkennen. Allerdings ist das eine sehr oberflächliche Betrachtung des Phänomens. Vielmehr drückt sich Verzweiflung und Traurigkeit aus, welche prinzipiell nicht gerne zur Schau gestellt wird.
Darüber hinaus empfindet sich diese Jugendkultur als mit dem Maninstream non-konformer Underground.
Diese Merkmale sind typische Kennzeichen für eine inhaltlich berechtigte Kritik: sie lässt sich nicht sinnvoll ohne tatsächliche gesellschaftliche Veränderungen durch den sogenannten Mainstream absorbieren.

Im Wesentlichen wird im Rahmen des Cyber das Verhältnis von Mensch und Maschine sowie die fortschreitende Technisierung vorwiegend auf individueller Ebene kritisch beleuchtet. Damit folgt sie im Kern auch dem Protest der Punk – Bewegung, welcher ebenfalls die weitreichende Objektivierung des Menschlichen anprangerte.
Allerdings äußert sich der Cyber nicht so sehr ideologisch und verallgemeinernd. Es geht weniger um die Kritik an gesellschaftlich aufoktroyierten Lebensmodellen sondern vielmehr um das fundamentale Scheitern des Menschen an der Technologie.

Es werden keine sinnvollen Lösungen mehr für den schwerwiegenden Konflikt zwischen Mensch und Maschine gesehen. Deshalb ist die fortschreitende Selbstauflösung des „objektivierten“ Menschen in einem bizarren Brei aus Technologie und Biologie vermutlich das beängstigende Resultat. Dabei spielen gelegentlich faschistoide Phantasien der technisch notwendig erscheinenden emotionalen sowie intellektuellen Gleichschaltung und Unterdrückung eine nicht unerhebliche Bedeutung. Wegen der substanziellen Vernichtung und Zerstückelung menschlichen Existierens werden zudem immer wieder der Tod sowie das Untote thematisiert.
Die gedachte Bühne für das Cyber – Spektakel ist regelmäßig eine postapokalyptische Wirklichkeit, in der das Überleben nur noch mit technischen Hilfsmitteln wie Atemmaske und Schutzanzügen möglich ist.

Diese künstlerisch verarbeiteten Ängste und Sorgen sind im Wesentlichen nicht von der Hand zu weisen und tatsächlich ein viel zu wenig diskutiertes und bedachtes Thema in unserer Kultur.
Die Zivilisationskritik des Cyber und anderer Gothic-Kunstformen sollte diesmal nicht leichtfertig ignoriert werden wie seinerzeit der Protest der Punk – Bewegung. Andernfalls haben wir aus unseren Fehlern nichts dazugelernt und enden möglicherweise „überraschend“ in einer solch alptraumhaft dargestellten Kultur wie sie von der „Schwarzen Szene“ gegenwärtig skizziert wird.

Leave a Reply

CommentLuv badge