Die Revolution der gebenden Hand

Peter Sloterdijk hat sich vor einigen Jahren intensiver aus philosophischer Perspektive mit der Zukunft des Kapitalismus beschäftigt.

Dabei kritisierte er im Wesentlichen, dass die Überlegungen von Rousseau, Marx und anderen Vordenkern der sozialen Marktwirtschaft, eine kluge aber misslungene Sichtweise auf die gesellschaftlichen Verhältnisse beinhalten würden.
Sloterdijks Darstellung „kommunistischer“ Denkweisen fokussiert auf den Eigentumsbegriff und bemängelt die Konstruktion des sogenannten ausbeuterischen Unrechts.
Schließlich versucht er die Argumentation der „roten“ Klassiker umzukehren und fordert sogar „Die Revolution der gebenden Hand“. Er glaubt, dass am Ende des revolutionären Befreiungsprozesses der großmütige, befreite Geber steht, welcher aus reiner Nächstenliebe und ähnlich gelagerten edlen Motiven das Elend der Notleidenden lindern würde.
Jede Form von staatlicher Zwangsabgabe prangert Sloterdijk als Diebstahl an.

Mit seinem Verständnis der Zusammenhänge wird Sloterdijk jedoch nicht den Problemlagen unserer Gesellschaft gerecht. Wenn er eine „Revolution der gebenden Hand“ fordert, sollte er nicht vergessen, dass die menschliche Kultur ein hochkomplexes System geworden ist. In diesem System lassen sich die maßgeblichen Phänomene nicht mehr mit einfachen Kausalitäten sinnvoll darstellen.

Es dominiert der Schmetterlingseffekt.
Dies bedeutet: „Wir sitzen alle in einem Boot.“ Und dies bedeutet auch, dass alle Menschen sowohl etwas in das System hineingeben als auch herausnehmen.
Das zentrale Problem besteht gerade darin, dass eine sinnvolle Zurechenbarkeit der Produktivkraft kaum noch möglich ist. Damit ist die Dichotomie zwischen den Gebenden und Nehmenden im Verschwinden begriffen.
Die Problematik der wachsenden Komplexität beschäftigt ebenfalls die Volkswirtschaftslehre als Phänomen der externen Effekte.

Der fortschreitende Verlust an nachvollziehbarer Kausalität innerhalb der kulturellen Prozesse lässt den Zweifel am Sinn der Leistungsgesellschaft wachsen, bringt zugleich auch eine gewisse Orientierungslosigkeit mit sich.
Erfolge stellen sich immer mehr als das Ergebnis von teamwork ein, als Resultat der Kooperation umfangreicher sozialer Netzwerke.
In dieser Situation ist sowohl die Feststellung einer systematischen kapitalistischen Ausbeutung als auch „Die Revolution der gebenden Hand“ deplatziert.

Der Glaube an den „Gutmenschen“, welcher sich aufopferungsvoll um die Bedürfnisse aller seiner Gefährten kümmert, ist so liebenswert wie naiv und weltfremd.
Allein die Befreiung der Bürger von staatlichen Zwangsabgaben wird diese mit Sicherheit nicht zu barmherzigen Samaritern machen.

Es ist im Grunde nicht die Aufgabe eines Philosophen, eine bestimmte Gesellschaftsordnung einzufordern oder sogar eine Revolution anzustacheln.
Das ist schon bei Platon gescheitert.

Es ist die Aufgabe der Philosophie, den Menschen Orientierung in dieser chaotischen Zeit zu stiften. Dazu sind die Weltanschauungen der Antike und anderer vergangener Epochen nicht geeignet, weil sich die Weltwirklichkeit sehr stark verändert hat:
Wir brauchen eine zeitgemäße Philosophie, welche unsere Sprache spricht, welche unsere gesellschaftlichen Probleme versteht.
Wir brauchen eine innovative Philosophie.

Gegenwärtig sieht es beinahe so aus, dass Sloterdijks Forderung, „Die Revolution der gebenden Hand“, im Zusammenhang mit der „Rettung“ der Währungsunion erfüllt werden soll.
Ein erster Schritt dazu wäre es, die Staatsverschuldung stark zu begrenzen. Sofern eine zentralistische Kontrollinstanz für diesen Zweck geschaffen worden ist, könnten systematisch die Staatsausgaben reduziert werden. Dadurch würde dann die Steuererhebung zunehmend unnötig.
Das Ende dieses Prozesses könnte fatal sein.

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