Ego

—Weshalb Egoismus aus philosophischer Perspektive Unglück bringt.—

Wir leben in einer Kultur, in welcher die weitreichende Entfaltung des Individuums als eine der größten Errungenschaften gefeiert wird.
Insbesondere die Humanisten argumentierten für die Befreiung des Einzelnen und sahen darin ein wesentliches Ziel bei der Gestaltung der gesellschaftlichen Ordnung.

Allerdings scheint sich die Emanzipation des Individuums nicht nur positiv auszuwirken. Es werden auch eine Reihe von Fehlentwicklungen in den abendländischen Wohlstandsgesellschaften festgestellt.
Können Individualismus und Egoismus gleichgesetzt werden???
Verwechseln wir vielleicht Egoismus und Freiheit???

Durch die ontologische Perspektivität des Humanismus auf den Menschen ist der Egoismus gefördert worden. Die Entfaltung des Einzelnen wurde teilweise als reiner Selbstzweck verstanden und somit wurde der Individualismus gelegentlich als Egoismus fehlinterpretiert.
Der Existentialismus hat später diese ontologische Sichtweise auf die Spitze getrieben bis hin zur vollendeten Egomanie. Der Existentialist übersieht, dass dem Menschen ein autonomes Sein nicht sinnvoll zugeschrieben werden kann. Somit kann der Mensch sich selbst grundsätzlich nicht abschließend bestimmen.
Die vom Existentialismus geforderte Selbstbestimmung wird letztlich immer wieder scheitern.

Als Vordenker des Existentialismus hat Schelling einen vergleichbaren Denkfehler gemacht: Er wollte in seinen Schriften ein Bildnis des Absoluten, also in gewisser Weise des Göttlichen, entwerfen.
Wie kann das Absolute überhaupt sprachlich beschrieben werden, wenn es doch vollkommen losgelöst ist von der gesamten Welt???
Schelling hat den zentralen Defekt von Immanuel Kants Theorie – das Ding an sich – im Grunde nur unkritisch sowie umständlich reproduziert, ohne ihn am Ende beheben zu können.

Das Absolute entzieht sich ebenso wie das Ding an sich und genauso wie das autonome Selbst prinzipiell der sinnvollen Bestimmbarkeit. Das Absolute, das Ding an sich sowie das autonome Selbst sind nur rein analytische, phantastische Terminologien, welchen keinerlei Wirklichkeitserfahrung entspricht: Sie sind so fiktiv wie Feen und Elfen im Märchenland. 😀
Wie will Schelling das Absolute bestimmen, wenn es sich der sprachlichen Bestimmbarkeit entzieht: Das Absolute ist letzten Endes ein absolut inhaltsleerer Begriff. 😉
Das Selbst ist eine vergängliche, sich stets verändernde Erscheinung und keine ewige, objektive oder gar absolute Identität.
Es gibt in der Realität keinen einzigen Gegenstand auf den Schellings Absolutheitsvorstellung zutrifft.
Niemand hat jemals etwas Absolutes gesehen oder gehört:
Wenn ein Baum umfällt, macht er dann auch ein Geräusch, wenn keiner da ist, der es hört???

Das Selbst kann nicht exakt bestimmt, sondern nur als subjektiv, relativ und vergänglich erfahren werden. Gerade das Subjekt kann nicht sinnvoll zum Bestimmungsobjekt gemacht werden, weil es dann nicht mehr subjektiv sondern objektiv wäre.
Mit ihrem auf das Absolute fixierten Fetischismus haben Schelling und die Existentialisten sowie die Feministinnen leichtfertig faschistische Weltanschauungen intellektuell legitimiert. Sie haben – vermutlich ohne es zu beabsichtigen – eine durch einen Menschen bestimmbare, absolute und damit totalitäre politische Wahrheit indirekt als sinnvoll realisierbar dargestellt. Damit haben sie argumentiert für einen nationalsozialistischen Führer beziehungsweise eine femfaschistische Tyrannin. :( :( :(

Am Ende der bewussten Selbstverwirklichung steht die Erfahrung einer Paradoxie. Das Selbst ist nicht bestimmbar, nicht objektiv, nicht absolut, nicht autonom, sondern das Ego ist eine illusionäre Erscheinung. 😀
Leider haben es die Existentialisten nicht geschafft bis zu dieser Einsicht vorzudringen. Somit wurden sie zu Anwälten des hemmungslosen Egoismus und Wegbereiter totalitärer Weltanschauungen.
Der Existentialist versucht die Selbstbestimmung und damit in letzter Konsequenz den Egoismus zu perfektionieren. Er hat seine Anhängerschaft auf die vergebliche Suche nach dem heiligen Gral der vollendeten Selbstbestimmung geschickt nach der Parole:
Der Weg ist das Ziel. :(

Das Individuum kann nicht nur als Selbstzweck bestehen, sondern ist immer auch ein Teil der Gemeinschaft, ein Teil der Welt.
Die egozentrische Perspektive führt dazu, dass der Mensch seine eigenen Bedürfnisse bedingungslos in den Mittelpunkt stellt und seine Lebenswelt versucht so zu beeinflussen, dass sie seinen Bedürfnissen dienstbar ist. So beginnt der Egoist konsequenter Weise damit sein Umfeld zu manipulieren. Er erlebt die Welt aversiv als einen Widerstand bei der Befriedigung seiner Bedürfnisse.

Egoismus befreit nicht. Der ichbezogene Mensch wird zum Sklaven seines Selbsts und der entfesselten Bedürfnisse des Ego. Er ist darauf bedacht, sein Selbst unkritisch zu reproduzieren. So sieht er sich fortwährend als den Nabel der Welt an. Er vereinsamt, verliert seine Beziehungsfähigkeit.
Da der Egozentriker sich nicht besonders für seine Mitmenschen interessiert und sie vorwiegend als ein Objekt der Begierde auffasst, kommt ihm sukzessiv das intuitive Verständnis für seine Umwelt abhanden. Die Welt erscheint dem Egoisten als eine Ansammlung von anderen Egos und Objekten, welche er im Dienste seiner triebhaften Gier rationalistisch kontrollieren muss. :(
Schließlich kann er überhaupt nicht mehr unterscheiden, ob die in ihm auftauchenden Sehnsüchte nicht vielleicht doch das Ergebnis manipulativer Fremdbestimmung sind. So wird der Ichsüchtige von sich selbst entfremdet, weitgehend fremdbestimmt und orientierungslos. Er sehnt sich verzweifelt nach totalitärer Führung aus seinem inneren Elend: Genau deshalb sind nicht wenige egomane ManagerInnen und PolitikerInnen so begeisterte BDSM-Fans. 😉
Gefällt Dir so ein Lifestyle???

Während der Egoismus den Menschen im vereinsamten Ich gefangen hält, befreit der Individualismus, indem die eigene Subjektivität erforscht und schließlich auch intensiv als etwas Entstehendes und Vergehendes erfahren wird. Er wird immer klarer, dass das Selbst nicht erfassbar, nicht sinnvoll objektivierbar, nicht autonom, nicht abschließend bestimmbar ist.
Im Rahmen eines so verstandenen Individualismus wird die Selbstverwirklichung als eine Form des achtsamen Selbstbewusstseins praktiziert nach dem Leitspruch: Erkenne Dich selbst!!!
Von daher ist Selbstbewusstsein nicht gleichzusetzen mit Egoismus. Es geht gerade nicht darum, dem Ego bedingungslos zu gehorchen und den eigenen Trieben hörig zu sein. Vielmehr bedeutet Selbstbewusstsein sich der Innerlichkeit bewusst zu werden, achtsam die Vorgänge im Innern zu beobachten und kritisch zu hinterfragen: Ist das tatsächlich ein dauerhaftes Selbst??? Bin ich das wirklich???
Sofern sich der Selbstverwirklichungsprozess abschließt, wird deutlich, dass das Subjekt eng mit der Welt verflochten ist, dass viele Begehrlichkeiten des Egos eigentlich fremdbestimmt sind, dass das Ego an sich eine substanzlose Illusion ist.
So gewinnt das Individuum Freiheit. :)

Individualismus zielt darauf ab, den Einzelnen als ein komplexes Subjekt zu begreifen und jegliche Bestimmung beziehungsweise Objektivierung des Menschseins als fatale Täuschung zu durchschauen. So kann das kreative Potential freigelegt werden.

Die Förderung des individuellen Bewusstseins ist eine notwendige Voraussetzung für die gesellschaftliche Ideenvielfalt, Innovationskraft und Toleranz.
Nur sofern es gelingt, sich von der antiken Vorstellung des totalitär beziehungsweise ganzheitlich bestimmbaren Menschenseins zu lösen, kann auch der grassierende Egoismus in den Wohlstandsgesellschaften durch einen bewusst praktizierten Individualismus geheilt werden.

Beim Lernen von Sprache werden zwangsläufig die uns begegnenden Gegenstände mit Namen versehen.
Wir glaubten als Kinder deshalb an eine autonome Existenz der Dinge. Später lernten wir, dass die Gegenstände zusammenhängen und in vielerlei Wechselbeziehung zueinander stehen. Dann war es uns möglich zu erkennen, dass eigentlich nichts vollkommen autonom ist, sondern sich alles vorwiegend durch eine Relativität auszeichnet.
Auf der Grundlage dieser Einsichten kann schließlich erlebt werden, dass die Gegenstände an sich substanzlos sind und damit auch das eigene Ego.
So glauben wir beim Erlernen der Sprache zunächst an die Substanzhaftigkeit der Dinge sowie an das bestimmbare, dauerhafte Selbst, um diese Wahrnehmungen später überhaupt erst als eine Täuschung durchschauen zu können. :)

Nachdenkliche Grüße, Deine Auc 😀

P.S.: Am Ende der egozentrischen Selbstentfremdung steht beispielsweise folgende schockierende Erfahrung:

IStartedAJoke

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One Response to “Ego”

  1. Burkhardt sagt:

    Wahnsinns Post.Habe einige frische Gedankenanstoesse gekriegt. Warte auf weitere Posts.

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