Konstruktion des Grauens

Wissen und Information spielen in unserer Gesellschaft eine immer wichtigere Rolle. Zentral für die sogenannte Wissensgesellschaft ist die Art und Weise, in welcher Wissen geschaffen, vermittelt und angewendet wird. Von daher gewinnt die vorherrschende Erkenntnistheorie immer mehr an Bedeutung für den kulturellen Erfolg. Besonders beliebt ist aktuell die konstruktivistische Erkenntnisphilosophie. Welche Gefahren könnten durch den Konstuktivismus für unsere Zukunft erwachsen???

Die Epoche der Aufklärung revolutionierte Im 18. Jahrhundert die abendländischen Kulturen. Die Bürger wollten selbstständig denken und wehrten sich gegen die Bevormundung durch Staat und Kirche.
Die argumentative Grundlage für diese Bewegung war eine neue Perspektivität auf den Menschen. Insbesondere begründeten neuartige erkenntnis-theoretische Einsichten das Aufbegehren der Bevölkerung gegen die Obrigkeit und ihren Herrschaftsanspruch. So wurde die Verkündung von absoluten, ewig gültigen Wahrheiten durch das Establishment zunehmend angezweifelt.
Vorausgegangen waren eine Reihe von technischen Innovationen, wobei der Buchdruck wohl am wichtigsten für die Entstehung der Aufklärungsbewegung gewesen ist. Mit Hilfe des Buchdrucks konnten neue Gedanken schneller verbreitet werden. So waren die Bürger in der Lage, sich besser zu informieren und vermehrt kritische Gedanken zu entwickeln.

In ähnlicher Weise wird vorraussichtlich auch die Einführung der Internettechnologie unsere Welt verändern. Diese technologische Revolution ist ebenfalls der Ausgangspunkt für die Entwicklung neuer Erkenntnistheorien. Dadurch wird sich in der Folge wohl auch abermals das Menschenbild verändern.
Schließlich sind zudem neodemokratische Tendenzen zu erwarten. Die Bürger werden vermutlich wiederholt jenes einfordern, was einstmals schon die großen Aufklärer postulierten: Offenheit, Transparenz und Mitbestimmung,

Der Konstruktivismus ist eine erste Bemühung um eine neue erkenntnistheoretische Positionierung. Er steht in der Tradition der skeptischen Philosophie. Bedauerlicher Weise reproduziert der Konstruktivismus inhaltlich im Wesentlichen nur altgekannte philosophische Überlegungen, welche schon damals die absolute Wahrheit von Kirche und Monarchie anzweifelten.
Der radikale Skeptizismus scheiterte seinerzeit, weil jegliche Wahrnehmung und damit auch jegliches Denken hinsichtlich des Wahrheitsgehalts infrage gestellt worden sind. Daraus resultiert immer wieder ein infiniter Regress bei der kontinuierlichen Suche nach ausreichender Gewissheit. Bleibt Gewissheit gänzlich aus, können Verunsicherung, Orientierungslosigkeit sowie schließlich sogar Gefühle der Ohnmacht entstehen. Auch erweist es sich als schwierig, die eigene Identität als Basis für persönliche Handlungsfähigkeit unter diesen Umständen befriedigend herauszubilden. Dies kann durchaus ebenfalls depressive Seelenzustände verursachen.

Von daher führte der radikale Skeptizismus ebenso wie später auch extreme Denkweisen innerhalb des Konstruktivismus zu rationalistischen Gegenbewegungen. Im Ergebnis einigte sich eine privilegierten akademischen Bevölkerungsminderheit auf einen Konsens: willkürlich wurden bestimmte Glaubenssätze als absolut und damit objektiv gesetzt. Diese als Prämissen bezeichneten Dogmen bilden im Wesentlichen die Grundlagen der Kulturwissenschaften und der rationalistischen Weltanschauungen. Sofern diese Prämissen kritisch hinterfragt werden, brechen auch die Fundamente der errichteten Theoriegebäude weg. Objektive Wahrheit gibt es nicht. Allerdings kann so getan werden „als ob“ es sie gäbe.
Das Formulieren von Prämissen führt zwangsläufig dazu, dass etwas Seiendes, etwas Reales in den Gegenständen sowie eine ontologische Metaphisik angenommen werden. Das Festsetzen einer allgemein anzuerkennenden „objektiven“ und damit vom subjektiven Individuum absolut unabhängigen Wahrheit ist zugleich auch immer die argumentative Basis aller totalitären Systeme.

Im aktuellen Konstruktivismus vollzieht sich ebenfalls das Festsetzen einer „absoluten“, objektiven Wahrheit: Es wird der Konstruktivismus selbst zur „objektiven“ Wahrheit.
Im Rahmen konstruktivistischer Erkenntnistheorie gelten zwar Menschen, Organisationen, Netzwerke usw. nicht mehr als steuerbar: Es können Theorien, welche eine direkt kontrollierende Steuerung erklären und legitimieren, nicht existieren. Allerdings werden nun die Rahmenbedingungen als „objektiv“ zielgerichtet gestaltbar betrachtet. Es wird Realität nicht mehr als objektiv wahr angenommen sondern als wahrscheinlich. Jedoch verbirgt sich in dieser Wahrscheinlichkeit notweniger Weise eine irgendwie geartete objektive Wahrheit.
Das erkenntnistheoretische Kernproblem wurde nicht gelöst sondern nur verschleiert: Wir wissen laut des Konstruktivismus zwar, dass nichts in unserer Wahrnehmung objektiv und vom Subjekt unabhängig sein kann, aber dennoch wird eine Wahrscheinlichkeit des objektiv Realen unterstellt.

Somit löst der Konstruktivismus das eigentliche erkenntnistheoretische Problem nicht in angemessenem Umfang. Allein die Feststellung, dass jegliche Erkenntnis sich im Bereich subjektiver Wahrnehmung abspielt, kann vieles nicht erklären. Die wesentliche Frage, wie denn nun erfolgreich mit dem aufkeimenden Pluralismus umgegangen werden kann, bleibt unbeantwortet.

Während die skeptische Philosophie immer wieder Gefahr läuft, sich in der stets kritischen Haltung im Solipsismus zu verlieren und aufzulösen, beinhalten alle rationalistischen beziehungsweise realistischen Theorien das Problem der dogmatischen, weltfremden Autorität.
In diesem Spannungsfeld bewegen sich unsere Kulturen.

Vor der Zeit der Aufklärung übernahmen die Religionen die Formulierung von absoluten, „objektiven“ Wahrheiten. Damit stifteten sie Sinn, gaben den Menschen eine Identität und Orientierung. Die Aufklärung deckte die Mangelhaftigkeit der religiösen Glaubensfundamente auf und versuchte durch einen kritischen Geist fortlaufend jeglichen gesellschaftlichen „Aberglauben“ zu beseitigen.
Am Ende formulierten die Wissenschaftler selbst Dogmen und gewannen insbesondere in den Kulturwissenschaften vielfach den Status von Religion. Ohne die akademische Dogmatik kann die Wissenschaft überhaupt nichts rational erklären. Das ist heute klar.
Es stellt sich die Frage, wer denn in unserer Gesellschaft berechtigt sein sollte, „absolute“ Wahrheiten zu setzen. Dafür gibt es nur eine einzige sinnvolle Antwort:
das Volk als Souverän im Rahmen demokratischer Wahlen.

Gegenwärtig versuchen die Wissenschaften selbst weitreichende Aufklärung zu be- und zu verhindern. Aus egoistischen Motiven heraus wollen sie den „wissenschaftshörigen“ Aberglauben erhalten. So werden die Bürger abermals bevormundet und zwar von jenen, welche ursprünglich angetreten waren, die Bevormundung abzuschaffen und die Menschen zu befreien.
Nur wer sich „qualifiziert“ hat, darf auch eine „fachkompetente“ Meinung haben. Auf diese Weise wird aktuell eine Bevormundung und Unterdrückung demokratischer Prozesse vollzogen wie es früher Monarchie und Kirche getan haben.

In ähnlicher Weise wollte seinerzeit auch Immanuel Kant nicht wirklich die Bevölkerung aufklären. Vielmehr versuchte er, den Teufel mit dem Beelzebub austreiben: nach Kant sollten fortan nur noch die „qualifizierten“ Gelehrten, die Akademiker, für die Bürger denken und entscheiden anstelle der Kirchenfürsten.
Er wollte sogar den Bürgern den Zugang zum Bücherwissen untersagen, weil nur die Gelehrten seiner Ansicht geeignet sind, dieses Wissen richtig zu verstehen und zu diskutieren. Damit hat Immanuel Kant ohne es zu bemerken und zu wollen die wesentliche Problematik unserer Gegenwart beschrieben.

Gerade die Aufklärung ist ein Prozess der Demokratisierung, welche für einem „Untertanen“ wie Immanuel Kant nicht nachvollziehbar war. Von daher verfolgte Kant eine „Scheinaufklärung“ während hingegen die revolutionären Philosophen Frankreichs seinerzeit eine echte Aufklärung betrieben haben.
In eben derselben Weise präsentiert sich aktuell der akademische Konstruktivismus aufklärerisch sowie progressiv und verschleiert gleichzeitig die eigene Dogmatik und kann damit schnell zum Instrument von totalitärer Tyrannei werden.

Eine neue Form der Aufklärung richtet sich zwangsläufig primär gegen die akademische Dogmatik und Bevormundung der Bürger.
Das Scheinwissen des Konstruktivismus und aller übrigen kulturwissenschaftlichen Theorien führen ebenso in die Irre wie zuvor das Scheinwissen religiöser Dogmatiker. Die akademische Wissenschaft ist zu einer esoterischen Dogmenlehre verkommen und versucht nun ihren Herrschaftsanspruch sowie ihre Definitionsmacht zu verteidigen.
Während früher die Inquisition im Namen Christi eine unchristliche „Hexenjagd“ veranstaltet worden ist, veranstalten heute die Akademiker im Namen von Sachzwängen die irrationale, existenzvernichtende Ausbeutung der Bürger.

Somit betreibt der Konstruktivismus in erster Linie eine Konstruktion des Grauens, eine grauenhafte Unterdrückung der Meinungsfreiheit indem die Prozesse der Meinungsbildung indirekt beispielsweise durch Quotenregelungen kontrolliert werden.
Vom daher legitimiert die konstruktivistische Philosophie eine inhumane Technokratie. Es wird nicht mehr ergebnisorientiert sondern prozessorientiert gesteuert. Das Endprodukt bleibt zwar unbestimmt, allerdings wird die Art und Weise der Produktion festgelegt.
Damit sind die Menschen nicht frei, sondern sie werden nur effizienter gesteuert:
Sie dürfen sagen, was sie wollen – es interessiert jedoch niemanden.

Die Demokratie degeneriert unter diesen Bedingungen zu einer Simulation, zur Seifenoper ohne Konsequenzen für die Lebenswirklichkeit der Bürger.
Letzten Endes liefern die Konstruktivisten nur ein optimiertes Gefängnis, welches jedoch nicht optimiert ist hinsichtlich der Bedürfnisse der Bevölkerung sondern optimiert ist hinsichtlich der Bedrüfnisse einer kleinen technokratischen Elite.

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Empfohlene weiterführende Quellen:

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