Mustang

Die sogenannte Bindungsunfähigkeit nimmt zu und die monogame Beziehung wird immer mehr zur Rarität. Auch ich bin bindungsscheu.
Gelegentlich werden bindungsscheue Wesen als Mustangs bezeichnet, weil sie sich nicht zähmen und in eine „kultivierte“ Monogamie einzwängen lassen.
Auch ich bin ein Mustang.
Was bedeutet die zunehmende Polyandrie für unsere Zukunft???

Manche mögen diese Entwicklung als einen Verfall der Sitten ansehen. Diese Leute denken ebenfalls, dass die Fähigkeit zu einer monogamen Beziehung ein Ausdruck von persönlicher Reife ist.

Diese Sichtweise ist nicht vollständig von der Hand zu weisen, weil es doch bei den Bindungsunfähigen immer so wirkt als würden sie noch wie Jugendliche herumexperimentieren. Es wirkt so als seien sie noch auf der Suche nach Mr. beziehungsweise Mrs. Perfect.

Vielleicht sind aber auch die Kritiker von nicht-monogamen Lebensgemeinschaften zu sehr dem traditionellem Denken verhaftet. Sie glauben, dass die Verhältnisse von gestern auch die richtigen Verhältnisse für heute, morgen und übermorgen sind.
Trifft das zu???

Ist es nicht vielmehr mittlerweile so, dass intolerante Anhänger monogamer Lebensart zu sehr von traditionellem Denken bestimmt sind und die umfangreichen gesellschaftlichen Veränderungen ausblenden – wie überforderte Kinder.

Die massive Transformation unserer Gesellschaft aufgrund der technologischen Fortschritte bringt notwendiger Weise auch Veränderungen in den Beziehungen mit sich. Zwischenmenschliche Beziehungen werden schnell- sowie kurzlebiger.
Allerdings ist das nicht nur von Nachteil, sondern kann durchaus dazu beitragen die Intensität und die Qualität des Miteinanders zu verbessern. Ebenso wächst auch der individuelle Erfahrungshorizont und dadurch bedingt nimmt ebenfalls die Toleranz zu.

Meine Bindungsscheue nehme ich nicht wahr als eine Angst vor meinen Zeitgenossen oder als Sorge in einer monogamen Beziehung unterdrückt zu werden. Vielmehr mag ich sehr viele und sehr unterschiedliche Menschen und fühle mich gleichzeitig zu ihnen hingezogen. Mein Herz schlägt höher, wenn ich charismatischen Menschen begegne. Dann kann ich mich öffnen. Und dann öffne ich mich auch.

Das empfinde ich nicht als Hurerei sondern es vollzieht sich bei mir mit einem tiefen Respekt gegenüber meinen Mitmenschen. Je mehr meine Liebe zu anderen wächst, desto mehr nimmt auch meine Toleranz und meine Achtung vor den Mitmenschen zu. Liebe und Sexualität sind für mich etwas Heiliges.
Einige mögen an dieser Stelle Sexualität und Spiritualität trennen und sprechen von „Plantonischer Liebe“. Ich hingegen denke, dass diese Trennung nur deshalb vollzogen worden ist, weil seinerzeit ein hoher gesellschaftlicher Druck herrschte und nicht-monogame Beziehungen geächtet waren.

Die durch die modernen Kommunikationsmedien herbeigeführte Beschleunigung und Vervielfältigung der Beziehungen bringt notwendiger Weise Mustangs hervor.
So werden wohl auch zukünftig mehr Mustangs unterwegs sein.

Der immer wieder anzutreffende Widerstand gegen diese Tendenzen resultiert auch teilweise aus der berechtigten Sorge heraus, was denn mit unserem Nachwuchs geschehen soll. Die ständig wechselnden Beziehungen erschweren es den Kindern, eine für sie notwendige Bindung und Vertrauen aufzubauen. Kinder brauchen verlässliche Bezugspersonen und sind mit einem häufigen Wechsel in der Partnerschaft überfordert.
Für uns Frauen erscheint das zunächst ganz einfach: wir sind ja für die Kinder da. Allerdings fehlt nicht selten der männliche Bezugspartner und das hat Folgen für die kindliche Entwicklung.

Während die Monogamie dazu führte, dass die Familie das emotionale und vielfach auch soziale Zentrum der Menschen war, ändert sich dies bei zunehmender Polyandrie. Dann wird sukzessiv Familie durch Sippe, durch einen Clan ersetzt.

Im Rahmen einer Sippe kann sich durchaus jedes Kind Bezugspersonen aussuchen und verantwortungsvolle Menschen werden ein Kind nicht abweisen.
Damit wäre auch das Problem der männlichen Bezugsperson prinzipiell gelöst. Wie dieser gesellschaftliche Wandel sich im Detail vollziehen wird, bleibt noch unklar. Auf jeden Fall ist dieser Wandel anzuerkennen und auch zu unterstützen durch die Sozialpolitik.

In diesem Zusammenhang ist die zwingend auf Monogamie ausgelegte Familienpolitik unsinnig geworden, richtet vielfach Schäden an und bewirkt selten Gutes.
Der Familienbegriff kann gar nicht mehr weiter überdehnt werden, um den tatsächlichen Wandel von der Familie zur Sippe gerecht zu werden.

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